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«Hätte ich gewusst, dass er am Flughafen ist, wäre ich sofort hin»

Schwester von Thomas

«Hätte ich gewusst, dass er am Flughafen ist, wäre ich sofort hin»

13.02.2023, 17:13 Uhr
· Online seit 13.02.2023, 16:44 Uhr
Der Obdachlose Thomas verstarb vergangene Woche an der Tramhaltestelle am Flughafen Zürich. Pendlerinnen und Pendler trauern um den 47-Jährigen. Der gelernte Elektromonteur hinterlässt einen Sohn. Seine Schwester teilt im Interview mit ZüriToday ihre Erinnerungen.
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Laura*, wie geht es Ihnen?

Mir geht es nicht gut. Mir fehlt mein Bruder und trotzdem habe ich jetzt Gewissheit, was mit ihm ist und wo er ist. Ich hatte keinen Kontakt mit ihm in den letzten Jahren. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Ich fühle mich leer und ich habe viele Fragen. Wieso? Warum?

Wie haben Sie vom Tod Ihres Bruders erfahren?

Das war am letzten Dienstag, am frühen Nachmittag. Es kamen zwei Polizisten und teilten mir dies mit.

Wie muss man sich das vorstellen?

Es war wie im Film, ich kann es nicht anders sagen. So kam es mir vor. Ich dachte zuerst, ich sei im falschen Film. Die beiden Polizisten haben geklingelt und mich gefragt, ob ich einen Bruder habe. Als ich ja gesagt habe, sagten sie zu mir, dass sie mir leider mitteilen müssten, dass mein Bruder gestorben sei.

Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt mit Ihrem Bruder?

Das war 2011 an meinem Geburtstag, er hat mir damals eine SMS geschrieben. Einige Tage später hatte er Geburtstag und ich wollte ihm gratulieren. Wie immer an diesem Tag habe ich ihm auch geschrieben. Ich erhielt aber dann eine Nachricht von jemanden, der nicht Thomas war. Zuerst dachte ich an einen Scherz meines Bruders. Erst als ich angerufen habe, habe ich gemerkt, dass mein Bruder nicht mehr unter dieser Nummer erreichbar war und diese jetzt jemand anderem gehörte. Seither habe ich nichts mehr von Thomas gehört.

Wie ging es dann weiter, das ist jetzt über ein Jahrzehnt her.

Ich habe es dann erstmal eine Weile so belassen. Es war sein Entscheid, wir hatten ja auch zuvor nicht jede Woche Kontakt. Ich habe das deshalb gar nicht weiter beachtet. Irgendwann habe ich mir dann schon Gedanken gemacht, ich habe dann versucht, ihm via Facebook zu schreiben. Aber es kam einfach nichts.

Sie haben gar nichts mehr von ihm gehört?

Nein. Ich habe auch versucht ihn über andere Bekannte zu kontaktieren. Niemand konnte mir aber sagen, wo er ist. Ich habe die letzten zwölf Jahre nicht gewusst, was mit meinem Bruder los war. Hätte ich gewusst, dass er am Flughafen ist, wäre ich sofort da hin.

Welche Erinnerungen haben sie an Ihren Bruder?

Ich habe ihn ziemlich vermisst. Wir hatten immer eine gute Zeit. Einfach zusammen sein, zu plaudern oder einen Kaffee zu trinken, es war so schön. Wir haben auch immer wieder mal etwas unternommen. Wir waren mindestens dreimal in Berlin, so haben wir einiges erlebt zusammen. Wir hatten eine gute Zeit, das macht das Ganze noch schwieriger.

Wie muss man sich Ihre Beziehung vorstellen?

Ich habe gute Erinnerungen an ihn. Wir haben immer zusammengehalten, weil wir es als Kinder nicht immer einfach hatten. Die Bindung hat auch nicht nachgelassen, als ich ausgezogen bin. Wir hatten es gut miteinander, wir hatten es lustig. Ich war einfach seine grosse Schwester, auch wenn mal etwas war.

Wie war Ihr Bruder als Mensch?

Thomas war ein aufgestellter, aufgeschlossener Mensch. Er war ein herzensguter Mann, der immer hilfsbereit war.

Was würden Sie Ihrem Bruder sagen, wenn Sie ihn jetzt nochmals treffen könnten?

Ich würde ihn fragen wieso, wieso er nicht zu mir kam. Was ihn belastet hat. Aber nicht vorwurfsvoll. Ich wäre einfach froh, er wäre wieder da und ich könnte ihn in den Arm nehmen.

Viele ZüriToday-Leserinnen und -Leser trauern um ihren Bruder. Was bedeutet Ihnen diese Anteilnahme?

Ich möchte mich wirklich bei all diesen Leuten bedanken. Ich bin extrem froh, diese Anteilnahme zu spüren, und dass so viele Menschen mit Kerzen, Briefen und Blumen gekommen sind. Auch die Berichte, welche ich gelesen habe. Zu hören, dass die Menschen ihn geschätzt haben und vermissen, dass er nicht einfach ein Obdachloser war.

*Name der Redaktion bekannt

veröffentlicht: 13. Februar 2023 16:44
aktualisiert: 13. Februar 2023 17:13
Quelle: ZüriToday

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