Insektensterben im Kanton

Gibt es in Zürich bald keine Libellen oder Schmetterlinge mehr?

Lothar Lechner Bazzanella, 13. April 2022, 13:56 Uhr
Wie sieht es im Kanton Zürich bei den ganz kleinen Lebewesen aus: Käfer, Bienen oder Falter. Ein Bericht zeigt, dass die Situation der Insekten besorgniserregend ist, viele Arten sind gefährdet. Warum ist das so und was tut der Kanton dagegen?

Ende März tagten in Genf Arbeitsgruppen der Biodiversitätskonvention und verhandelten über die internationalen Ziele in Bezug auf das Artensterben. Mit bescheidenem Erfolg, wie Tierschützer kritisierten. Ein besonders wichtiger Teil einer jeden Tierwelt sind Insekten: Käfer, Schmetterlinge, Ameisen und Co. Sie bestäuben Blütenpflanzen und sind Nahrung für unzählige Tierarten, etwa für Fische, Fledermäuse oder Vögel.

Auch im Boden spielen Insekten eine wichtige Rolle. Viele Arten tragen zum Abbau von abgestorbenem Pflanzenmaterial bei und führen so dem Boden Nährstoffe zurück. Ausserdem sind Insekten wichtige Ausbreiter von Pflanzen. Besonders die Ameisen tragen Samen kreuz und quer und helfen so der Pflanze, sich zu verbeiten. Doch wie steht es um die Insekten im Kanton Zürich?

Immer weniger Falter im Kanton

Nicht gut, wenn man dem Swiss Academies Report glaubt. Seit Jahrzehnten werden in der Schweiz grosse Verluste bei der Insektenvielfalt festgestellt. So gab es zum Beispiel bei den Tagfaltern im Kanton Zürich einen deutlichen Rückgang. Spezialisierte und heimische Arten kämen mit den verschlechterten Umweltbedingungen und der Klimaerwärmung schlichtweg nicht zu recht und würden mehr und mehr an Lebensraum und Populationsgrösse verlieren. Neue und oft invasive Arten würden den Weg in die Schweiz finden.

Auch die Libelle scheint immer gefährdeter im Kanton. So zeigt ein Forschungsprojekt am Husemersee, dass von den ursprünglichen über 50 verschiedenen Libellenarten etwa die Hälfte nicht mehr vorkommt. Besonders betroffen sind die typischen Moorlibellen, die über die Jahrzehnte stark an Lebensraum eingebüsst haben. Sterben die Feuchtgebiete, dann sterben die Libellen. Hier liegt auch ein Grund für das massive Artensterben bei den Insekten: Immer mehr typische Lebensräume und somit Futterplätze gehen verloren.

Lebensräume weichen Nutzflächen

Eine Studie zeigt, dass im Kanton Zürich bei allen Gruppen von blütenbesuchenden Insekten die Nahrungspflanzen deutlich zurückgehen. Jahr für Jahr weichen Feuchtgebiete – beliebte Orte für Insekten – Flächen, die vor allem für die intensive landwirtschaftliche Nutzung gebraucht werden. Flächen, die in der Regel kein idealer Lebensraum für Insekten sind.

Zwar gab es in den letzten Jahren immer mehr Initiativen, die Nutzflächen so zu nutzen, dass auch die Biodiversität gewährleistet ist. Dies geschah jedoch bisher mit nur mässigem Erfolg. Immer noch bieten die allermeisten Äcker und Wiesen keine idealen Lebensräume für Insekten.

Was macht der Kanton?

Auch auf kantonaler Ebener gibt es eine Vielzahl an Schutzgebieten und anderen Flächen, in denen die Biodiversität in der Regel Vorrang vor anderen Nutzungen hat. Glaubt man dem Swiss Academies Report, sind diese Gebiete jedoch immer noch nicht ausreichend. Sie seien entweder zu klein, von schlechter ökologischer Qualität oder einfach ungenügend miteinander verbunden.

Für die langfristige Erhaltung der Biodiversität im Kanton bräuchte es ausserdem auch ein stärkeres Umdenken beim Bau von Privatgärten, Wohnsiedlungen und Firmenarealen. Etwa beim Thema Lichtverschmutzung, welche einen enormen Einfluss auf das Leben ganz vieler Insekten hat.

Mit gutem Beispiel voran geht hier die Stadt Zürich. Unter dem Namen «Plan Lumière» hat sie ein Beleuchtungskonzept erarbeitet, mit dem unter anderem auch die Lichtverschmutzung reduziert werden soll. Auch der Verein Schmetterlingsförderung im Kanton Zürich hat sich den Insekten verschrieben. Vor allem im Tösstal sorgen die Mitglieder mit verschiedenen Projekten dazu, dass es weiterhin summt und flattert.

Was kann ein jeder tun?

Wer selbst mithelfen will, dass der Insektenbestand nicht weiter schrumpft, sollte zum einen darauf achten, welche Lebensmittel er konsumiert. In der Regel sind Produkte aus biologischem Anbau um einiges insektenfreundlicher. Spenden oder Beitritte bei den verschiedenen Vereinen sind natürlich auch eine Option. Dazu kommt ein bewussterer Umgang mit Ressourcen, mit Wäldern, Äckern und Bauland.

Besonders wichtig ist den Verfassern des Swiss Academies Report zufolge die Aufklärung über den erschreckenden Zustand der Insekten. Um hier Lücken zu schliessen, verweisen sie auf die vielen verschiedenen Handlungsoptionen im Werk «Natur schaffen. Ein praktischer Ratgeber zur Förderung der Biodiversität in der Schweiz».

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 16. April 2022 10:57
aktualisiert: 16. April 2022 10:57
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