Zürcher Schiris unter Druck

«Arschloch» und «Tubel» gehören immer öfter zum Fussballspiel

21. Januar 2023, 08:41 Uhr
Der Ton wird rauer auf den Zürcher Fussballplätzen. Mittendrin: Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Was sie alles zu hören bekommen, landete jetzt vor Gericht.
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Verhandelt wurde ein Fall, in dem ein 38-jähriger Sportchef eines Klubs Drohungen gegen den Schiedsrichter während eines Junioren-Matches im Oktober 2021 in Altstetten ausgesprochen hatte. Der Beschuldigte gab gegenüber dem Bezirksgericht sehr freimütig Auskunft, wie die «NZZ» berichtet. «Ich habe zu ihm gesagt: ‹Wenn du so pfeifst, musst du dich nicht wundern, wenn du von den Eltern zusammengeschlagen wirst›», zitiert ihn die Zeitung.

«Die Eltern haben getobt»

Sein Verein habe geführt, dann habe der Schiedsrichter den Spielverlauf auf den Kopf gestellt, schilderte der Beschuldigte das Geschehen vor Gericht. Dies mit einem zu Unrecht gegebenen Penalty und einem Gegentor, bei dem der Stürmer meterweit im Offside gestanden sei. Und rote Karten habe er auch noch einseitig verteilt. «Die Eltern haben getobt.»

Gemäss Anklageschrift blieb es nicht bei der Drohung. Der Sportchef rannte auf den Schiedsrichter zu. Er wollte ihn treten und schlagen, wurde aber von seinem Bruder, der beim gleichen Verein als Trainer amtet, zurückgehalten. Dem Schiedsrichter habe er zugerufen, ob er ihn «gleich vor Ort verprügeln» solle.

Hast du auch schon verbale oder körperliche Gewalt auf dem Fussballplatz erfahren? Berichte uns von deinen Erfahrungen.

Fluchen, spucken, schlagen

Der Vorfall in Altstetten ist laut NZZ kein Einzelfall. Schiedsrichter würden vermehrt Opfer von verbaler, manchmal auch handfester Gewalt auf Fussballplätzen. «Dass die Zuschauer einen als ‹Arschloch› und ‹Tubel› bezeichnen, gehört dazu, auch wenn das nicht so schön ist», wird Peter Wartmann, langjähriger Schiedsrichter, Trainer und Präsident des FC Kloten, zitiert.

Noch lebendig in Erinnerung ist Wartmann das Spiel zwischen Embrach und Glattbrugg im Mai 2021. Nach dem Sieg des FC Glattbrugg kam es zu einer Massenschlägerei. Einem Juniorenspieler wurden mehrere Zähne ausgeschlagen. Wartmann wurde angespuckt und erhielt einen Schlag in den Nacken.

Die Spieler seien meist nicht das wahre Problem, so Wartmann. In Embrach seien es die Trainer gewesen, die die Spieler angestachelt hätten. Mache ein Schiedsrichter auf dem Feld einen Fehler, könne er dies einem Spieler erklären, das werde verstanden. Schwieriger sei der Umgang mit den Zuschauern. Mit ihnen zu sprechen, sei ein «No-Go». Die Eskalationsgefahr sei riesig.

Champions-League-Qualität im Hobbyfussball?

Im Lichte dieser Zustände auf den Zürcher Fussballplätzen erstaunt es nicht, dass der Fussballverband Region Zürich (FVRZ) Mühe hat, neue Schiedsrichter zu finden. Es falle dem Dachverband zusehends schwer, jedes Spiel zu besetzen. Der Umgang mit aufgebrachten Eltern sei gerade für Nachwuchs-Schiris schwierig. Viele hörten schon nach wenigen Saisons wieder auf.

Einen problematischen Einfluss hat der internationale Fussball. Bei der WM in Katar hätten die Spielleiter den Profis sehr vieles durchgehen lassen. Die jungen Spieler orientierten sich daran, sagt Andreas Baumann, Schiedsrichterobmann beim FVRZ. Gleichzeitig sei die Fehlertoleranz tief, auch gegenüber jungen Spielleitern. Die Trainer erwarteten, dass die Schiedsrichter Champions-League-Qualität vorlegen. «Dabei bewegen sich die Spieler ja auch nicht auf diesem Niveau», sagt Peter Wartmann.

Der wegen der Drohung in Altstetten angeklagte Sportchef wurde nach kurzer Beratung für schuldig befunden: 900 Franken Geldstrafe auf Bewährung. In einem Fussballspiel seien Emotionen nachvollziehbar, begründet der Richter die milde Strafe. Der Mann engagiere sich ehrenamtlich und werde dies hoffentlich auch weiterhin tun. Trotzdem sei er gegenüber dem Schiedsrichter zu weit gegangen. «Sie haben eine Grenze überschritten», sagte der Richter.

(osc)

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 21. Januar 2023 08:29
aktualisiert: 21. Januar 2023 08:41