«Offener Tisch»

In diesem Zürcher Café gibt es bis jetzt nur einsame Singles

Bettina Zanni, 17. November 2022, 17:02 Uhr
Einsame Gäste können im Café des Amis mit einem Schild signalisieren, dass sie Gesellschaft wünschen. Bisher läuft die Aktion schlecht. Beliebt sind im Lokal hingegen Tinder-Dates.
Anzeige

An den Tischen rundherum schwatzen und lachen Leute miteinander. Selber rührt man betrübt im Kaffee und schämt sich bei jedem neuen Gast mehr, an einem Tisch mit einem leeren Stuhl zu sitzen. So soll sich niemand fühlen – zumindest nicht im Café des Amis im Zürcher Kreis sechs. Seit September bietet das Café den «Offenen Tisch» an.

Und so funktioniert es: Wer im Café Gesellschaft wünscht, schnappt sich einen entsprechenden Tischaufsteller auf dem Buffet und platziert diesen gut sichtbar auf dem Tisch. Ab sofort können sich Gäste spontan hinsetzen und Gesellschaft leisten. Ins Leben gerufen wurde der «Offene Tisch» von der Genossenschaft Zeitgut Zürich Höngg-Wipkingen im Rahmen der «Caring Community im Kreis 10».

«Ich kenne es von meiner Mutter»

Das Café des Amis ist bisher das einzige Lokal, das beim «Offenen Tisch» mitmacht. Er finde es eine schöne Idee, sagt Café-Geschäftsführer Miguel Castro. Sofort mitgemacht habe er auch, weil er die Situation von seiner Mutter in Spanien kenne. «Sie ist alleine und hat keine Lust, alleine in ein Café zu sitzen oder in die Stadt zu gehen.»

Nach drei Monaten zieht Miguel Castro jedoch eine ernüchternde Bilanz: «Es ist schade. Es läuft überhaupt nicht gut.» Bis jetzt habe noch kein Gast ein Schild aufgestellt. Dabei sei das Café des Amis ansonsten ein beliebter Treffpunkt für Begegnungen mit Fremden. «Bei uns treffen sich viele Leute zu Tinder-Dates.»

Ist die Scham zu gross?

Der «Offene Tisch» ist aber nicht für die Katz. Viele Menschen in der Schweiz fühlen sich einsam. Laut einer Befragung des Bundesamts für Statistik sind es fast 40 Prozent. Zudem hat die Pandemie das Gefühl noch verstärkt.

«Ich habe das Gefühl, die Menschen in der Schweiz haben wahnsinnige Hemmungen zu zeigen, dass sie sich alleine fühlen und Kontakt suchen», sagt Miguel Castro. Einsamkeit sei immer noch ein Tabu in der Gesellschaft. «Da geniert man sich und verliert fast das Gesicht, wenn man dazu steht.»

Um etwas Mut zu machen, platzierten Mitglieder der Genossenschaft Zeitgut Zürich Höngg-Wipkingen selbst Schilder auf ihrem Tisch. «Bei jemandem setzte sich ein Mann hinzu und fragte, worum es denn bei diesen Tafeln gehe», berichtet Ruedi WInkler, Vorstandspräsident der Genossenschaft. Gut möglich ist also, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda verschämten Einsamen noch auf die Sprünge hilft.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 18. November 2022 07:14
aktualisiert: 18. November 2022 07:14