Zürich

«Ich hätte die Kommentare nicht gelöscht»

Wirbel um «Gleis»-Konzertabsage

«Ich hätte die Kommentare nicht gelöscht»

· Online seit 19.08.2022, 07:13 Uhr
Nach der Konzertabsage hagelt es auf Google Ein-Sterne-Bewertungen für das Kulturlokal «Gleis». Doch ebenso schnell, wie die negativen Kommentare auftauchten, verschwanden sie auch schon wieder. Wurden sie etwa gelöscht? Das wäre ein Fehler, sagt ein Profi für Krisenkommunikation.
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Zahlreiche Menschen haben ihrem Ärger über die Konzertabsage im «Gleis» auf Google Luft gemacht. Die Bewertungen des Lokals stürzten so auf 1,6 Sterne ab. «Fühle mich unwohl», «Ein alternatives, von Rassismus gesteuertes und wenig empfehlenswertes Lokal», «Einfach nur schlecht. Hier sollte man nicht hingehen» – solche Kommentare waren heute Morgen zu lesen. Waren – den mittlerweile sind die negativen Bewertungen von Google verschwunden.

«Gewitter muss man vorüberziehen lassen»

Die Vermutung drängt sich auf, dass die «Gleis»-Betreiber die negativen Kommentare als Versuch der Schadensbegrenzung entfernen haben. Markus Baumgartner hält dies für einen Fehler in der aktuellen Krise. Und mit Krisen kennt sich Baumgartner aus. Er ist Gründer der Kommunikationsargentur B-Public und Präsident des schweizerischen Verbands für Krisenkommunikation.

Baumgartner rät: «Das Gewitter muss man vorüberziehen lassen.» Mit einer Löschung entferne man den entstandenen Reputationsschaden ohnehin nicht. Wer die Entscheidung des «Gleis» unterstütze, der werde auch in Zukunft dort hingehen. Wer damit nicht einig sei – und womöglich noch nie im Lokal war – werde sich wie anhin fernhalten.

«Ich rate, die Kommentare stehenzulassen», so der Krisenkommunikations-Spezialist auf Anfrage von ZüriToday. Auch eine sofortige Antwort auf die Kommentare bringe jetzt erstmals nichts. Die Reputation könne man erst später wieder aufbauen, wenn das Gewitter wieder vorbei sei. Ernst zu nehmen seien die Bewertungen auf Google aber auf jeden Fall, sagt Markus Baumgartner: «Die persönlichen Empfehlungen sind nicht zu unterschätzen.»

Wütender Musiker, Unwohlsein beim Team

Grund für die zahlreichen negativen Bewertungen ist die Absage des Konzertes des österreichischen Musikers Mario Parizek. Am Dienstag machte der  Gitarrist auf seinem Instagram-Kanal bekannt, dass die Bar «Das Gleis» sein Konzert kurz vor Beginn abgesagt habe. Grund seien seine Dreadlocks, so der wütende Künstler im Video.

Das Kollektiv «Das Gleis» schrieb später in einer Stellungnahme, dass unter anderem Personen aus dem Team Unwohlsein in Bezug auf kulturelle Aneignung geäussert hätten.

Vor wenigen Wochen ist es in Bern zu einem ähnlichen Vorfall gekommen. Die Brasserie Lorraine unterbrach ein Konzert der Band Lauwarm, weil es offenbar Beschwerden aus dem Publikum über die weissen Musiker mit Rastas gegeben habe. Damit ist die Debatte um kulturelle Aneignung und Cancel Culture um ein Kapitel reicher.

(oku/osc)

veröffentlicht: 19. August 2022 07:13
aktualisiert: 19. August 2022 07:13
Quelle: ZüriToday

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