Zürich

Er gibt Millionen aus, damit Zürcher Wohnungen günstig bleiben

Wenn die Stadt Immobilien kauft

Er gibt Millionen aus, damit Zürcher Wohnungen günstig bleiben

04.07.2023, 06:07 Uhr
· Online seit 04.07.2023, 06:03 Uhr
Philip von Babo kauft im Namen der Stadt Wohnungen. Das Ziel: bezahlbarer Wohnraum. Die Herausforderung: steigende Bevölkerungszahlen, wenig Wohnraum, exorbitante Immobilienpreise. Ein Gespräch über eines der wohl drängendsten Probleme Zürichs.
Anzeige

Herr von Babo, sie arbeiten im Akquisitionsteam der Stadt Zürich. Können Sie erklären, was Ihr täglich Brot ist?

Die Stimmbevölkerung der Stadt Zürich hat sich dafür entschieden, dass bis 2050 ein Drittel der Immobilien der Stadt gemeinnützig sein sollen – auch für künftige Generationen. Unsere Aufgabe: Grundstücke sichern, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten. Und um die Infrastruktur der Stadt künftig gewährleisten zu können.

Den letzten Punk müssen Sie genauer erklären?

Klar ist: Die Bevölkerung der Stadt Zürich wächst. Mit der Verdichtung muss deshalb auch ein Ausbau der Infrastruktur einhergehen. Wenn die Bevölkerung weiter wächst, dann fehlt irgendwann vielleicht auch der Raum für Schulen, für Kindergärten oder andere öffentliche Einrichtungen. Als Stadt sind wir aber dafür verantwortlich, genau jene wichtigen Infrastrukturen zu gewährleisten. Deshalb versuchen wir auch solche Immobilien und Grundstücke zu kaufen.

Dafür hat man jährlich ein ordentliches Budget von 400 Millionen Franken zur Verfügung. Sollte ausreichen, möchte man meinen.

Es ist eine beachtliche Summe, ja. Bei den Zürcher Liegenschafts- und Grundstückpreisen kann der Kauf einer grösseren Überbauung aber auch einen beachtlichen Teil des Budgets beanspruchen. Die Preise in Zürich sind in den letzten Jahren enorm angestiegen. Dazu kommt, dass wir etwa mit Banken und Versicherungen auch richtig Konkurrenz haben.

Ist man im Markt also eher ein kleiner Fisch als ein Platzhirsch?

Weder noch. Wir können spannende Objekte erwerben. Doch wir müssen uns nach der Decke strecken und werden häufig überboten. Die Stadt kauft nicht um jeden Preis.

Eine Kritik, die immer wieder auftaucht: Die Stadt treibe die Preise nach oben, verzerre den Markt und lasse sich das Geld aus den Taschen ziehen, weil sie kaufen müsse. Nicht kaufen wolle. Wie stehen sie zu solchen Vorwürfen?

Ehrlich gesagt finde ich, dass die meisten davon an den Haaren herbeigezogen sind. Wir können nicht nach Lust und Laune Millionen ausgeben, um irgendwelche Immobilien zu kaufen, die das Geld eigentlich gar nicht wert sind. Wir prüfen Liegenschaften auf Herz und Nieren, halten uns an Schätzungen und ganz klare Parameter. Und wenn ein Objekt interessant erscheint, geben wir ein marktübliches Angebot ab. Selbst wenn wir im erfolgreichen Fall die Höchstbietenden sind: Bei den um die 1000 Handänderungen in der Stadt Zürich jedes Jahr kann bei unseren fünf bis zehn Käufen von Marktverzerrung keine Rede sein.

Das Risiko, dass sie aber Steuergelder ausgeben, um für eine Immobilie mehr zu zahlen als sie eigentlich wert ist, schwingt mit. Die Stadt «muss» Wohnungen kaufen, um dem Volksbegehren Rechnung zu tragen. Private Investoren, Banken oder Firmen nicht.

Wie gesagt: Die Stadt bezahlt Marktpreise, kauft aber nicht um jeden Preis. Zudem ist das städtische Geld in den erworbenen Häusern gut investiert, es ist ja nicht einfach weg. Die Investition dient einem stark nachgefragten Zweck: dem Wohnen. Und das langfristig. Die Stadt veräussert die gekauften Liegenschaften nicht mehr.

Gibt es Zonen in der Stadt, die besonders im Fokus liegen und andere, aus denen man sich – vielleicht wegen der zu hohen Preise – eher raushält als städtischer Investor?

Unser Ziel ist es, dass über das gesamte Stadtgebiet verteilt Wohnungen der Stadt liegen, die bezahlbar sind und bleiben für die Bevölkerung. Natürlich gibt es aber Quartiere, wo dies einfacher ist. Und Zonen, wo wir Mühen haben. Historisch bedingt hat die Stadt auch in einigen Kreisen mehr und in anderen Kreisen weniger Wohnungen. Die grösste Herausforderung ist: Es fehlt an Grundstücken. Die allermeisten Flächen der Stadt sind verbaut.

Kommen wir damit zu der Art der Grundstücke, die gekauft werden. Ist es richtig, dass es sich dabei eher um schon stehende Gebäude und nicht leer liegende Grundstücke handelt?

Unbebaute Grundstücke sind nur selten auf dem Markt. Ab und an kann die Stadt aber solche Flächen erwerben. Der Kauf von bebauten Grundstücken ist jedoch deutlich häufiger.

Nicht nur schweizweit, in ganz Europa sind steigende Mieten und Immobilienpreise ein Problem. Gibt es eine Stadt, die für Zürich Vorbild ist?

Ich würde meinen, dass Zürich selbst Vorbildcharakter hat. Wir haben einen hohen Anteil von gemeinnützigen Wohnungen. Sie sind dem Spekulationsmarkt entzogen und fördern die soziale Durchmischung, weil für die meisten tragbar. Stichwort Kostenmiete.

Können Sie den Begriff genauer erklären?

Gemeinnützige Wohnungen sollen ohne Profit vermietet werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner bezahlen also nur das, was die Wohnung ihren Besitzer kostet. Mit der Kostenmiete sichern wir Wohnraum für Menschen, die sich keine teuren Mieten leisten können.

Die Stadt kauft Wohnungen, um vor allem einkommensschwächeren Familien bezahlbaren Wohnungsraum zu garantieren. Die wohlhabende Oberschicht kann sich die Preise weiter leisten. Und die Mittelschicht wird aus der Stadt verdrängt. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Nein, gar nicht. Wenn die Stadt nicht kauft, werden die Häuser irgendwann aufgekauft und luxussaniert. Davon hat der Mittelstand gar nichts. Die Stadt hingegen achtet in ihren 9500 Wohnungen in allen Quartieren auf eine gute Durchmischung. Mit dem Erwerb weiterer Liegenschaften sichern wir Wohnraum für die breite Bevölkerung. Deshalb soll bis 2050 ein Drittel aller Mietwohnungen gemeinnützig sein – das Drittelsziel.

Schwingt persönlich bei Ihnen hier auch Ideologie mit?

Schwierige Frage. Ich stehe hinter der Arbeit, die wir hier machen und hinter dem Ziel der Stadt. Letztendlich hat aber die Zürcher Stimmbevölkerung das Drittelsziel in der Gemeindeverordnung verankert. Daraus leitet sich unser Auftrag ab. Unser Ziel ist, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in der Stadt wohnen können. Menschen sollen nicht wegziehen müssen, weil die Mietpreise zu hoch sind.

Wie realistisch ist das Ziel, bis 2050 ein Drittel der Immobilien zu erwerben?

Im Moment liegt der Anteil gemeinnütziger Wohnungen bei rund 26 Prozent. Klar ist die Dynamik gross und die Preise für Liegenschaften steigen weiterhin – Wunder sind keine zu erwarten. Aber die Stadt ist nicht allein. Die Genossenschaften und städtischen Stiftungen ziehen am gleichen Strick. Zudem haben Immobilienverkäufer die Vorteile eines Hausverkaufs an die Stadt Zürich oder andere gemeinnützige Wohnbauträger erkannt. Das hilft.

Wie meinen Sie das?

Es ist zwar nicht die Regel, aber es gibt immer wieder Fälle, wo wir als Stadt den Zuschlag bekommen, obwohl andere Investoren mehr geboten haben. Das ist ein tolles Zeichen. Und spornt an, so weiterzumachen. Vor allem zeigt es aber, dass viele Hausverkäufer die Ziele der Stadt teilen. Sie wollen, dass die Mieten bezahlbar bleiben. Dass das Haus nicht weiterverkauft wird. Und dass bei einem späteren Bauvorhaben die Mieterschaft nicht einfach die Kündigung, sondern ein Ersatzangebot erhält.

Scan den QR-Code

Du willst keine News mehr verpassen? Hol dir die Today-App.

veröffentlicht: 4. Juli 2023 06:03
aktualisiert: 4. Juli 2023 06:07
Quelle: ZüriToday

Anzeige
Anzeige
zueritoday@chmedia.ch