Zürich

Darum verschwinden im Kanton Zürich gerade so viele Personen

Vermisstmeldungen

Darum verschwinden im Kanton Zürich gerade so viele Personen

16.11.2023, 09:58 Uhr
· Online seit 16.11.2023, 08:55 Uhr
Eine Reihe von älteren Menschen tauchte kürzlich plötzlich nicht mehr auf. Während die meisten Fälle glimpflich ausgingen, verstarb jüngst ein vermisster Mann. Eine Fachfrau klärt über das Phänomen auf.
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Polizeimeldungen über vermisste Personen im Kanton Zürich häufen sich in letzter Zeit. Meist handelt es sich um ältere Menschen oder solche mit einer geistigen Beeinträchtigung. Oft gehen die Fälle glimpflich aus, indem die Personen zum Beispiel unterkühlt oder nur leicht verletzt aufgefunden werden.

«Besonders im Herbst, wenn es dunkler wird, fühlen sich ältere einsame Menschen noch einsamer», sagt Christina Krebs, Geschäftsleiterin von Alzheimer Zürich. Diese Gefühle verstärkten sich, wenn Depressionen dazukämen. «In diesen Situationen wollen manche Menschen einfach nur raus und weg, weil sie es mit sich selbst nicht mehr aushalten.»

Laut Krebs wollten die vermissten Personen dabei aber nicht verschwinden. Meist gingen sie ohne konkretes Ziel spazieren und unterschätzten dabei die Dunkelheit. «Während sie gehen und gehen, denken sie nicht daran, dass es bald schon dunkel und immer schwieriger wird, den Heimweg zu finden.»

Falsche Behauptungen

Bei Vermisstmeldungen im Falle von Personen mit Demenz oder Alzheimer hegt die Umgebung schnell einmal den Verdacht, dass die Frau oder der Mann von zu Hause oder aus einem Heim ausgerissen ist, um weglaufen zu wollen. «Fälschlicherweise behauptet man immer, sie seien ‹weggelaufen›», korrigiert Christina Krebs. Stattdessen handle es sich um ein «Hinlaufen». «Die Person wollte spazieren gehen oder hatte einen Ort von früher im Kopf und verlief sich dabei.»

Besonders betroffen macht der Fall eines 61-Jährigen. Am Wochenende sahen ihn Personen zuletzt am Bahnhof Horgen. In der Nacht auf Montag wurde der Mann, der an Trisomie 21 litt, in Zürich aufgefunden.

Am Montag meldete die Kantonspolizei Zürich, dass er verstorben sei. «Auch Menschen mit einer geistigen Behinderung wollen selbständig sein und können die Dunkelheit unterschätzen, wenn sie im Herbst rausgehen», sagt Christina Krebs. Um solche Personen schnellstmöglich wiederzufinden, sei es wichtig, dass Private sowie Institutionen ein Signalement hinterlegten.

Die Kantonspolizei Zürich führt die Vermisstmeldungen auf keine spezifischen Ursachen zurück. «Die Gründe, wieso jemand sich dem Kontakt mit Bekannten oder Verwandten entzieht, sind mannigfaltig und werden nicht statistisch erhoben», sagt Mediensprecher Florian Frei.

«Nur noch zum Sterben ins Altersheim»

Christina Krebs sieht das Verschwinden in den dunklen Tagen auch als Symptom unserer Gesellschaft. «Die Seniorinnen und Senioren sind oft einsam, weil sie vielleicht ohne Kontakt zur Familie zu Hause sitzen und dann nur noch zum Sterben ins Altersheim gehen.»

Früher dagegen seien die älteren Menschen nach dem Umzug ins Altersheim nochmals «richtig aufgeblüht». So seien sie noch genug fit gewesen, um dort etwa Freundschaften zu schliessen, zu jassen und gemeinsam in den Ausgang zu gehen. «Heute wohnt jemand im Schnitt noch zwei Monate zur Pflege in einem Alters- und Pflegeheim und stirbt dann.»

Mit den Babyboomern, die ins Pensionsalter kommen, wächst die Zahl der Seniorinnen und Senioren in den nächsten Jahren stark. «Bei der Einsamkeit im Alter kommt eine Lawine auf uns zu», prognostiziert Christina Krebs. Im Kanton Zürich gebe es bei der Altersarbeit deshalb viel zu tun. «Wir müssen dafür sorgen, dass Altersheime für den Lebensabend wieder attraktiv werden.»

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veröffentlicht: 16. November 2023 08:55
aktualisiert: 16. November 2023 09:58
Quelle: ZüriToday

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