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Britin wohnt seit 6 Tagen am Flughafen Zürich – wegen eines Röntgenbilds

Zürich-Kloten

Britin wohnt seit 6 Tagen am Flughafen – wegen eines Röntgenbilds?

12.09.2022, 23:38 Uhr
· Online seit 09.09.2022, 16:46 Uhr
In England werde sie unterdrückt, sagt Jamie V. – vom Staat und dem Gesundheitssystem. Schliesslich flüchtet sie nach Zürich, doch auch hier landet sie in den Zwickmühlen der Bürokratie. So lebt V. seit sechs Tagen am Flughafen. ZüriToday erzählt sie ihre ungewöhnliche Geschichte.

Quelle: TeleZüri, Beitrag vom 15. Juni 2022

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Ist das eine reale Version des Films «Terminal» mit Tom Hanks? «Seit sechs Tagen lebe ich am Flughafen Zürich», sagt die Britin Jamie V.* gegenüber ZüriToday. Am 3. September, ihrem Geburtstag, sei sie von Manchester über Paris nach Zürich geflogen – ohne Retourticket. «Dafür habe ich gar kein Geld.» Viel lieber wolle sie hier in der Schweiz Asyl beantragen oder eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. «Denn mein Leben zuhause in England ist die Hölle.»

So nimmt sie mit den Stuhlbänken, die ihr als Schlafplatz dienen, oder mit den öffentlichen Toiletten des Flughafens Vorlieb. «Ich habe in all diesen Tagen nicht mehr geduscht. Und mein ganzes Hab und Gut steckt in zwei Taschen.» Am Flughafen aufgefallen sei sie bisher wohl niemandem, so V. «Zumindest hat mich bisher niemand angesprochen.»

Plötzlich treten Symptome auf

Doch was war passiert? Blättern wir drei Jahre zurück: Damals hatte V. ein mehr oder weniger normales Leben gelebt, eine feste Anstellung an einer Universität gehabt und nebenbei eine Master-Ausbildung absolviert. Der Ex-Mann sei zwar immer wieder gewalttätig gewesen, das damalige Verhältnis zu ihrem Sohn beschreibt sie aber als ausgezeichnet.

Im April 2019 tauchen bei V. gesundheitliche Beschwerden auf, die sie nicht weiter beschreiben will. Im Spital werden Röntgenbilder gemacht – und kurz darauf treten andere Symptome auf, die nichts mit den eigentlichen Problemen zu tun haben. Nebenwirkungen der Röntgenstrahlen? V. kontaktiert die Ärzte, von denen ihr nahegelegt wird, dass sie dies dem «National Health Service» (NHS), dem staatlichen Gesundheitssystem Grossbritanniens, meldet.

Ein einziges Wort wird ihr zum Verhängnis

V. weigert sich zunächst, dies zu tun, denn von Bekannten weiss sie: der NHS reagiert nicht gut auf Beschwerden. Entweder tue sich nichts, oder man werde angefeindet. «Peter Duffy, ein früherer Chirurg, hat sogar ein Buch («Whistle in the wind», d. Red.)  über die dunklen Machenschaften des NHS geschrieben», sagt V. «Für viele Briten sind Duffys Schilderungen bittere Realität.»

Von «Beschwerde» könne allerdings gar keine Rede sein, so V. Als sie von den Ärzten praktisch dazu gezwungen wird, das Gesundheitssystem über das möglicherweise missglückte Röntgen zu informieren, fragt sie eine NHS-Angestellte: «Möchten Sie eine Beschwerde oder bloss eine Mitteilung deponieren?» V. antwortet mit letzterem. Doch in den Akten taucht fortan das Wort «Beschwerde» auf.

Sie will bloss entlastet werden

Dies wird ihr, so ist die Britin überzeugt, zum Verhängnis. Innert Wochen verliert V. ihre Anstellung an der Universität, der Arbeitgeber will die Entlassung nicht weiter begründen. Sofort bewirbt sie sich auf andere Stellen, erhält aber nur Absagen. In der Folge wird sie obdachlos, die Beziehung zu ihrem Sohn leidet stark. Übernachtet sie beim Ex-Mann, wird sie von diesem physisch und psychisch misshandelt.

Die letzten drei Jahre übernachtet sie in Parks, in Kirchen oder in Obdachlosen-Unterkünften, während sie einen unerbittlichen Kampf gegen den NHS und die britischen Behörden führt. Abgesehen davon, dass sie wegen ihres Gesundheitszustands behandelt werden sollte, will sie ihre vermeintliche «Beschwerde» in den Akten korrigiert sehen – und somit entlastet werden.

Es ist ein erfolgloser Kampf, wie V. schildert: Vom Staat werde sie regelrecht «gecancelt». «Ich habe meine Patientenakte und andere Dokumente einsehen können. Ich kann garantieren: Die Behörden haben sie manipuliert. Vieles, was ich da las, stimmte so absolut nicht.» Überall werde sie vertröstet, weggewiesen oder schlicht ignoriert. Auch Politiker habe sie kontaktiert – ohne je eine Antwort zu erhalten. Stattdessen machen sich weitere Röntgen-Nebenwirkungen bemerkbar: V. verliert ihr gesamtes Haar.

Übernachten darf, wer ein Ticket hat

Weil ihr Leben im Norden Englands unerträglich wird, fasst V. anfangs September den Entscheid, Hilfe in der Schweiz zu suchen. Mit ihrem letzten Ersparten kann sie sich ein Flugticket nach Zürich leisten – dort lebt sie seither, und zwar am Flughafen. «Ich wandte mich nach meiner Ankunft sofort ans SEM (Staatssekretariat für Migration, d. Red.). Doch auch die konnten mir nicht weiterhelfen», so V. «Die Bürokratie macht vieles sehr kompliziert.»

Auf Anfrage teilt der Flughafen Zürich mit, dass man sich dort gemäss Hausordnung nur «bestimmungsgemäss» aufhalten dürfe. Übernachtungen würden nur mit gültigem Flugticket akzeptiert. Für Menschen in Not gebe es unterschiedliche Sozialeinrichtungen, mit denen der Flughafen zusammenarbeitet. «Wir bitten die Personen, sich dort zu melden.»

«Habe mein ganzes Leben hart gearbeitet»

Von V.s Aufenthalt habe man «nicht konkret» Kenntnis. Wohl auch deshalb hat man V. gar nicht an die Sozialeinrichtungen verweisen können, und folglich harrt die Britin weiter am Flughafen aus. Demnächst will sie nämlich einen weiteren Versuch beim SEM starten. «Ich gehe erst nach Grossbritannien zurück, wenn ich die Garantie habe, dass ich vom Staat nicht weiter unterdrückt werde.»

Die Schweiz gefalle ihr, sagt sie, sie geniesse es, im «The Circle» gleich neben dem Flughafen zu spazieren. «Vielleicht klappts ja noch mit einer Aufenthaltsbewilligung. Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet, bis mir alles genommen wurde. Ich würde jede erdenkliche Arbeit hierzulande annehmen.»

*Name der Redaktion bekannt

veröffentlicht: 9. September 2022 16:46
aktualisiert: 12. September 2022 23:38
Quelle: ZüriToday

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