Zürich

Alexia (50) steht am Bahnhof und sucht als «alte Schachtel» einen Job

Experte schätzt ein

Alexia (50) steht am Bahnhof und sucht als «alte Schachtel» einen Job

07.07.2023, 09:43 Uhr
· Online seit 07.07.2023, 09:32 Uhr
Alexia Schütz, 50 jährig, Mami, arbeitslos. Der Wiedereinstieg in die Berufswelt nach 15 Jahren Pause schaffte die Meilenerin bisher nicht. Das soll sich mit einer ausgefallenen Suchmethode nun ändern. Ein Personalmarketingexperte ordnet ein, ob ein Sandwich-Plakat die Lösung ist.
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«Ich (50) alte Schachtel suche Arbeit», heisst es auf dem Plakat, das sich Alexia Schütz um den Hals gehängt hat. Die 50-jährige Meilenerin aus Genf steht am Zürcher Hauptbahnhof, in der grossen Halle unter dem Engel von Niki de Saint Phalle. Fast solidarisch ragt die farbige Engelsdame über der Arbeitsuchenden, hat die feministische Künstlerin de Saint Phalle mit ihren Werken doch die Emanzipation der Frau im patriarchalischen System versucht zu fördern.

Denn Alexia sucht seit drei Jahren verzweifelt einen Job. Nach über 150 Bewerbungen hat es immer noch nicht geklappt. Sie merkt: Als Wiedereinsteigerin in die Berufswelt, nachdem sie die letzten 15 Jahre zwei Kinder grossgezogen hat, hat sie es nicht einfach. Und geht auf eine Jobsuche der etwas anderen Art.

Mehrere Faktoren sprechen gegen 50-Jährige

«Ich hätte nie gedacht, dass die Wiedereingliederung in die Berufswelt so schwierig sein würde», sagt Alexia im Gespräch mit ZüriToday. «Leider gibt es mehrere Faktoren, die gegen mich als Arbeitnehmerin sprechen: Mein Alter, die Mutterschaft und die damit verbundene ‹Arbeitspause›.» Trotz ihrer langjährigen Erfahrung als Personal- und Managementassistentin bei den Vereinten Nationen in Genf und London. In der Zwischenzeit hat sie eine Ausbildung als Gemmologin, also zur Fachperson für Edel- und Schmucksteine, gemacht. Sie bildet sich auch weiterhin fort, beispielsweise mit Online-Weiterbildungen und Computerkursen.

«Als ich merkte, dass meine bisherigen Bewerbungsmethoden keine positiven Ergebnisse brachten, beschloss ich, meinen Ansatz zu ändern und über den Tellerrand zu denken.» So stellte sie sich diese Woche als wandelndes «Sandwich-Plakat» ins morgendliche Getümmel am Zürcher Hauptbahnhof und am Stadelhofen.

Stereotypen herrschen in Personalabteilungen vor

«Was die Frau macht, ist absolut mutig», sagt Personalmarketingexperte Jörg Buckmann gegenüber ZüriToday. «Menschen über 50 Jahren haben, ohne jeden Zweifel, nach wie vor einen gewissen Nachteil bei der Jobsuche», so Buckmann.

Der Personalmarketingexperte geht davon aus, dass viele Bewerbende ab einem gewissen Alter schon in der Vorauswahl aus dem Raster fallen. «Es herrschen nach wie vor Stereotypen in Personalabteilungen, die sich gegen ältere Personen richten. Vor allem junge Personen sortieren Bewerbungen von älteren Bewerberinnen und Bewerbern im ersten Schritt oftmals vorzeitig aus», mutmasst Buckmann.

Ältere Arbeitnehmende sind meist die treuesten Mitarbeiter

Dabei sei Alexia mit 50 Jahren doch im besten Alter. «Sie bringt nicht nur viel Lebenserfahrung und persönliche Kompetenzen mit – sie hat schliesslich zwei Kinder grossgezogen. Sie beweist auch viel Mut, Kreativität und Humor», sagt Buckmann.

Ausserdem könnte Alexia aufgrund ihres Alters eine treue Mitarbeiterin sein. «Mit 50 Jahren sucht sie möglicherweise nicht schon in den nächsten paar Jahren eine weitere berufliche Herausforderung an einem anderen Ort, wie es junge Menschen oft machen», so Buckmann. «Es gäbe viele gute Argumente, sie anzustellen.»

Plakat-Methode birgt Hoffnung

Die Sandwich-Plakat-Aktion verbucht Alexia zum aktuellen Stand als Erfolg. An beiden Standorten konnte sie bereits wertvolle Kontakte knüpfen. «Ich habe mit einer Frau gesprochen, die in einer Gruppe von ‹Frauen in der Businesswelt› ist. Einige junge Leute haben sogar Fotos von meinem Sandwich-Plakat gemacht, damit sie es anderen weiterleiten können», berichtet Alexia. Ausserdem habe sie E-Mails und LinkedIn-Nachrichten erhalten. «Ich werde diese jetzt lesen, beantworten und mich gegebenenfalls bewerben.»

Auch wenn sich noch nichts Konkretes ergeben habe, war es eine lehrreiche Erfahrung für Alexia. «Ich bin dankbar für die Kontakte, die ich geknüpft habe und bleibe hoffnungsvoll», sagt Alexia abschliessend. Auch Jörg Buckmann ist sich «fast sicher, dass die Aufmerksamkeit, die sie mit der Aktion auf sich zieht, nützen wird. Ich wünsche es ihr sehr.»

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veröffentlicht: 7. Juli 2023 09:32
aktualisiert: 7. Juli 2023 09:43
Quelle: ZüriToday

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