«War sprachlos und frustriert»

22-Jährige erzählt von mehrfacher Belästigung auf dem Nachhauseweg

30. August 2022, 05:42 Uhr
Leandra Columberg ist in der Nacht auf Sonntag alleine auf dem Nachhauseweg und wird von gleich mehreren Männergruppen belästigt. Auf Twitter erzählt sie davon – ihr Tweet geht durch die Decke. Wir haben mit der 22-Jährigen gesprochen.

Nacht von Samstag auf Sonntag, kurz nach Mitternacht: Leandra Columberg, 22, ist auf dem Nachhauseweg vom Zürcher Hauptbahnhof Richtung Escher-Wyss-Platz – alleine. In der Nähe des Limmatplatzes trifft sie auf eine Gruppe Männer – um die sechs an der Zahl, zwischen 18 und 25 Jahre alt, alkoholisiert, wie Leandra erzählt. Schnell und ohne die Männer zu beachten will Leandra an ihnen vorbeigehen. Ein Mann habe dann gerufen: ‹Hey du, warte mal!› «Ich wollte einfach weiter", erzählt Leandra Columberg. Es folgen weitere Kommentare wie: ‹Geiler Arsch!›

Ein Mann packt sie am Arm. «Es war kein aggressives Festhalten, aber er hat die Grenze überschritten.» Leandra zieht den Arm weg und geht weiter. Die Männergruppe lacht, schreien ihr noch weitere Sachen nach.

Richtige Worte erst am nächsten Tag gefunden

Nicht viel später bleibt Leandra Columberg stehen und schaut auf ihr Handy. Von der anderen Strassenseite kommt ein junger Mann auf sie zu und will sie erschrecken. Er fasst sie oberhalb der Hüfte an. Gleiche Szene; seine Freunde lachen. «Sie haben es wohl als Spass gemeint und fanden es lustig», erzählt Leandra Columberg. «Eigentlich wollte ich sagen, dass es nicht in Ordnung ist, aber in diesem Moment fand ich nicht die richtigen Worte.»

Am nächsten Tag findet Leandra Columberg die richtigen Worte – auf Twitter erzählt sie von ihrem Erlebnis:

Sie sei frustriert gewesen. «Diese Situationen haben mich nochmals wachgerüttelt, dass das die Realität als Frau ist.» Leandra Columberg wolle mit ihrem Tweet Diskussionen anregen. «Der öffentliche Raum muss für alle sicher sein, egal welches Geschlecht.» Es sei wichtig, dass alle, insbesondere auch Männer, in ihrem Umfeld über die Problematik sprechen.

Jeder kennt Betroffene, aber niemand Täter

Im Freundeskreis spreche man oft über die Erfahrungen mit Belästigungen. «Jeder kennt eine oder einen Betroffenen, aber niemand einen Täter – diese Rechnung geht nicht auf.»

Vielen Frauen geht es gleich wie Leandra Columberg. Ihr Tweet wurde über 1000 Mal geliked und unzählige Male geteilt. Aber nicht nur Frauen, auch Männer kommentieren unter Leandras Tweet. «Das tut mir Leid. Schäme mich für das ekelhafte Benehmen meiner Geschlechtsgenossen», schreibt ein User. Ein solches Verhalten wünscht sich Leandra auch mehr auf der Strasse – Männer sollen mit ihren Freunden über übergrifiges Verhalten sprechen und in solchen Situationen eingreifen.

Worte sind strafbar 

Sexuelle Belästigung – auch mit Worten – ist eine Straftat:

Wirst du sexuell belästigt, kannst du eine Anzeige erstatten – und zwar auf jedem Polizeiposten. Damit sich jeder und jede im öffentlichen Raum wohlfühlen kann, hat die Stadt Zürich im letzten Frühjahr eine Kampagne und ein Meldetool lanciert. Bei «Zürich schaut hin» können Belästigungen anonym und sicher gemeldet werden.

Täglich mehrere Meldungen

Vom Mai bis im Dezember 2021 sind rund 900 Meldungen über sexuelle, homo- oder transfeindliche Belästigungen auf dem Meldetool eingegangen. Pro Tag sind das durchschnittlich knapp vier Meldungen. Die häufigsten Meldungen betreffen Belästigungen mit Worten. Zudem zeigt die Auswertung, dass Frauen deutlich häufiger von Belästigungen betroffen sind als Männer. Und trotzdem: «Ich will und werde weiterhin alleine unterwegs sein – mit den nötigen Vorsichtsmassnahmen – ich lasse mich nicht aus dem öffentlichen Raum verdrängen», sagt Leandra Columberg.

(lea)

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 29. August 2022 19:46
aktualisiert: 30. August 2022 05:42
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