Schulweg

«Weil Kinder gemobbt werden, weichen Mütter und Väter aufs Elterntaxi aus»

Bettina Zanni, 22. August 2022, 13:33 Uhr
Der Touring Club Schweiz ermutigt Eltern dazu, ihre Kinder zu Fuss zur Schule zu schicken. Die Argumente greifen für Elternvertreter zu kurz. Viele wollten ihr Kind vor Mobbing auf dem Schulweg schützen, sagt ein Berater.

Mit dem Schulstart kurven auch wieder vermehrt die so genannten Elterntaxis herum: Eltern chauffieren ihre Kinder zur Schule, anstatt sie zu Fuss zu schicken. Von dieser Angewohnheit versucht der Touring Club Schweiz (TCS) abzuhalten.

Rund sieben Prozent der Eltern bringen in der Deutschschweiz laut einer TCS-Studie ihre Kinder regelmässig mit dem Auto zur Schule, in der Westschweiz sind es sogar 30 Prozent. Hintergrund ist die Angst, das Kind könnte in einen Unfall verwickelt werden. «Auch wenn diese Praktik allgemein verbreitet ist, bleibt sie problematisch», schreibt der TCS in einer Medienmitteilung am Montag.

Wichtiger Entwicklungsschritt

Der Verein macht darauf aufmerksam, dass Staus, die in der Nähe der Schulen entstehen, eine erhöhte Gefahr für die Kinder darstellen. Auch sei das Erlernen des Schulwegs ein wichtiger Schritt in der Entwicklung des Kindes. Bringe man es mit dem Auto zur Schule, werde ihm diese Erfahrung genommen und seine Selbständigkeit verzögert. Werden Kinder früh an den Strassenverkehr gewöhnt, bewegen sie sich laut dem TCS darin geschickter und können sich in der Schule leichter konzentrieren. Zudem erlebe das Kind auf dem Schulweg einen echten Moment der Autonomie und könne soziale Bindungen ausbauen.

«Es ist einfach zu sagen, Elterntaxis seien schlecht»

Die Argumente greifen für Elternvertreter zu kurz. Die Angst vor einem Verkehrsunfall des Kindes sei nicht der einzige Grund für Elterntaxis, entgegnet Fredi Jaberg, Berater im Verein Elternlobby Schweiz. «Es ist einfach zu sagen, Elterntaxis seien schlecht, wenn man nicht weiss, was alles die Eltern dazu treibt.»

Viele Mütter und Väter weichen laut Jaberg auf das Elterntaxi aus, weil ihr Kind auf dem Schulweg gemobbt wird. «Es gibt Kinder, die den Plausch haben, andere in die Büsche zu schubsen, Faustschläge zu verteilen, ihnen zu drohen oder ihnen Geld und Gegenstände zu klauen.»

Ein weiterer Grund sei, dass Eltern ihre Kinder vor einer Entführung schützen wollten. Menschenhandel sei ein Thema in der Schweiz. «In Zürich, Bern und Basel ist das Risiko einer Kindsentführung grösser als noch vor zehn Jahren.» Verständnis fordert Jagberg auch für Eltern, die ihre Kinder lieber zur Schule fahren, weil sie den ÖV als Virenschleuder betrachten.

Schulweg sei zu lange

Manche Kinder können den Schulweg aber auch aus praktischen Gründen nicht unter die Füsse nehmen. «An einigen Orten hat man den ÖV aus Spargründen stark eingeschränkt, sodass einige Kinder einen zu langen und zu gefährlichen Schulweg haben», sagt Jaberg. Ein Schulweg von einem Kilometer, auf dem mehrere Strassen überquert werden müssten, sei für ein Primarschulkind eine zu grosse Hürde.

Kinder ohne die Möglichkeit eines Elterntaxis erfahren zuweilen Nachteile. «Es gibt Kinder, die auf den Besuch einer höheren Niveauklasse verzichten – nur, weil der Schulweg an den Ort der höheren Niveauklasse zu weit und das ÖV-Netz schlecht erschlossen ist.»

Damit der Schulweg zu Fuss wieder beliebter wird, fordert Jagberg, dass die Schulen das Thema Mobbing aktiver angehen und mehr Ressourcen in den Öffentlichen Verkehr investieren.

Durch Elterntaxis drohe Mobbing

Bei SP-Nationalrätin und Primarlehrerin Sandra Locher Benguerel stossen die Forderungen auf offene Ohren. «Auch vor unserem Schulhaus nehmen die Elterntaxis wieder zu», sagt Locher. Dabei sei der Schulweg wichtig für die Entwicklung des Kindes.

«Es ist nicht sinnvoll, wenn Eltern alle Hindernisse aus dem Weg räumen und die Kinder präventiv in die Schule chauffieren», so Locher Benguerel. Werde ein Kind ständig in die Schule gefahren, könne dieses zudem erst recht gemobbt werden. Locher Benguerel empfiehlt, Mobbing-Fälle der Klassenlehrperson zu melden und gemeinsam eine Lösung zu suchen.

Für den Schulweg brauche es bedarfsgerechte ÖV-Lösungen, sagt die Nationalrätin. «Der Schulweg ist ein starkes Argument, um ÖV-Zeiten dort anzupassen, wo es noch nicht gemacht wurde.» Das Recht, selbständig zur Schule zu gehen, dürfe nicht an einer fehlenden Verkehrsverbindung scheitern.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 22. August 2022 13:13
aktualisiert: 22. August 2022 13:33
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