Häusliche Gewalt

Fall Leuthard: Laut Expertin kann Panik eine Rolle spielen

Bettina Zanni, 21. Juli 2022, 10:33 Uhr
Die Attacke von Doris Leuthards Ehemann erschüttert viele Menschen in der Schweiz. Gewaltberaterin Leena Hässig sagt, warum es bei Paaren plötzlich eskalieren kann und wie sich Opfer am besten verhalten.

Frau Hässig*, am Dienstag wurde publik, dass Doris Leuthards Ehemann im Gefängnis sitzt. Er soll die ehemalige Mitte-Bundesrätin mit einem «spitzen Gegenstand» bedroht haben. Wie ordnen Sie den Fall ein?

Grundsätzlich findet häusliche Gewalt eher von Männern gegen Frauen statt. Meist nehmen die Täter Gegenstände zu Hilfe, die im eigenen Haushalt zur Verfügung stehen. Das kann zum Beispiel ein Stuhlbein sein. Findet der Konflikt in der Küche statt, kommen oft auch Messer ins Spiel. Es gibt aber oft auch Täter, die schlagen, würgen oder treten. Häusliche Gewalt ist enorm verbreitet und tritt in jeglichen gesellschaftlichen Schichten auf.

Es überrascht Sie also nicht, dass eine ehemals hohe Amtsträgerin Opfer von häuslicher Gewalt geworden ist?

Nein. Bei unserer Fachstelle suchen Personen Hilfe, die in Verwaltungen, auf Behörden oder an Universitäten arbeiten. Vertreten ist jede Schicht – vom Obdachlosen bis zum Regierungsstatthalter.

Doris Leuthard und ihr Mann sind um die 60-jährig. Ist häusliche Gewalt bei langjährigen Beziehungen jedoch eher die Ausnahme?

Häusliche Gewalt hat sehr viel mit schlechter Kommunikation zu tun. Dass jemand aus dem Stand heraus die Partnerin oder den Partner bedroht, kommt sehr selten vor. Wir stellen häufig fest, dass es bei langjährigen Beziehungen zu Gewalt kommt, weil sich eine gewisse Form von Enttäuschung bis hin zur Verbitterung breitgemacht hat. Manchmal kann auch Panik aus Hilflosigkeit oder Überforderung einen Gewaltakt auslösen.

Welche Form der Panik erleben ältere Personen?

Die Panik, von der Partnerin oder dem Partner verlassen zu werden und alleine zu sein. Aber auch Krankheiten wie Demenz, Alzheimer oder körperliche Schmerzen können sehr viel Aggression hervorrufen.

Lässt sich häusliche Gewalt vorausahnen?

Oft mögen es die potenziellen Täterinnen und Täter nicht, wenn sie in einem Konflikt nicht Recht erhalten und die Kontrolle verlieren. Vielfach werden sie schnell laut und gereizt.

Wie soll sich das Opfer verhalten?

Ist man an Leib und Leben bedroht, soll man versuchen, sich selbst zu schützen. Davonrennen und die Polizei alarmieren, ist die beste Lösung. Wenn dies nicht möglich ist, wie zum Beispiel im Falle einer Vergewaltigung, muss man diese vielleicht über sich ergehen lassen, um nicht getötet zu werden. Wichtig ist jedoch, zu verhindern, dass ein Konflikt eskaliert. Das heisst: Früher hinschauen und sich eingestehen, dass ein Problem besteht und sich nicht dafür schämen. Häusliche Gewalt muss in der Gesellschaft unbedingt enttabuisiert werden.

*Leena Hässig ist Stiftungsratspräsidentin der Stiftung gegen Gewalt an Kindern und Frauen sowie Gewaltberaterin der Fachstelle Gewalt Bern.

Bettina Zanni
Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 21. Juli 2022 06:52
aktualisiert: 21. Juli 2022 10:33
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