Schweiz

Drittes Geschlecht – Nationalrätin Fehr Düsel will Bundesrat stoppen

Drittes Geschlecht

Frau, Mann, divers – Zürcher Nationalrätin will Jans stoppen

31.05.2024, 08:03 Uhr
· Online seit 31.05.2024, 04:30 Uhr
Der Kontakt zwischen Justizminister Beat Jans und dem non-binären Star Nemo intensiviert sich. Die Zürcher Nationalrätin Nina Fehr Düsel befürchtet, dass der Bundesrat doch noch das dritte Geschlecht einführen will. Sie verlangt klare Antworten.
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Bundesrat Beat Jans höchstpersönlich traf Nemo in einem Videocall. Am Mittwochmorgen war es so weit. Rund eine Stunde dauerte das Gespräch, wie das Justizdepartemente dem «Tages-Anzeiger» bestätigte. Im Austausch mit Nemo ging es darum, wie sich die Situation nicht binärer Menschen in der Schweiz konkret verbessern liesse.

Gleich nach dem Sieg am Eurovision Song Contest (ESC) hatte sich der non-binäre Bieler ESC-Star einen Telefontermin mit Jans zum Ziel gesetzt. Zu einem persönlichen Treffen soll es am 18. Juni kommen.

Das Tempo des Justizministers in dieser Sache lässt die Zürcher SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel aufhorchen. Bundesrat Beat Jans nehme sich offenbar viel Zeit für non-binäre Anliegen und messe diesen grosse Wichtigkeit bei, sagt sie zur Today-Redaktion. «Damit ist möglich, dass der Bundesrat doch noch ein drittes Geschlecht einführen will», befürchtet sie.

«Thema wird seit Sieg aufgebauscht»

Ende 2022 erteilte der Bundesrat der Einführung des dritten Geschlechts eine Abfuhr. Er erachtete die Voraussetzungen dafür und damit die Abschaffung des binären Modells als nicht erfüllt. Ebenso sprach er sich gegen den Verzicht des Geschlechtseintrags im Personenstandsregister aus. Er begründete seine Auffassung auch damit, dass die Änderung des binären Geschlechtermodells mit zahlreichen Anpassungen der Verfassung und der Gesetze von Bund und Kanton verbunden wäre.

In der Fragestunde im Nationalrat von kommendem Montag will Nina Fehr Düsel sicherstellen, dass dies auch so bleibt. Fragen wird sie, ob der Bundesrat bestätigen könne, dass er weiterhin auf die Einführung eines dritten Geschlechts und die Beibehaltung des Geschlechtereintrages verzichte.

Sie sei ein offener Mensch und akzeptiere non-binäre Menschen, stellt Fehr Düsel klar. Auch bei der Ehe für alle habe sie Ja gestimmt. «Aber seit Nemos Sieg am ESC wird das Thema Nonbinarität aufgebauscht.» Bei den Betroffenen handle es sich nur um eine Minderheit. Die Ethikkommission geht in der Schweiz zurzeit von rund 103’000 bis 154’000 non-binäre Menschen aus.

«Unberechtigte Zweifel bei Pubertierenden»

Ein drittes Geschlecht würde laut Fehr Düsel etwa in Datenbanken zu grossen Unsicherheiten führen. Autoversicherungen seien für Männer meist teurer als für Frauen, weil diese grundsätzlich mehr Unfälle verursachten. «Bei non-binären Personen wäre es nicht möglich, einen korrekten Tarif festzulegen», sagt die Nationalrätin, die im Rechtsdienst eines grossen Schweizer Lebensversicherungskonzerns arbeitet.

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Fehr Düsel will auch zum Schutz der Jugend keine weitere Option als Frau und Mann einführen. Die Pubertät sei ohnehin eine heikle Phase, in der sich viele Mädchen und Buben finden würden. «Redet ihnen dann plötzlich die Schule ein, dass sie vielleicht weder Mann noch Frau seien, könnte dies bei ihnen unberechtigte Zweifel und grosse Verunsicherung auslösen.»

Katha stand in die Mitte

Katha, 56-jährig, wäre hingegen froh gewesen, wenn es im Kindergarten noch eine dritte Option gegeben hätte. Die Kindergärtnerin habe die Kinder am ersten Tag in Mädchen- und Bubengruppen aufgeteilt, erzählte Katha im «TalkTäglich». «Ich blieb in der Mitte, da ich mich weder als Mädchen noch als Buben sah.»

Am liebsten hätte Katha deshalb eine dritte Option beim Geschlechtseintrag. Auch würde Katha in E-Mails die Anrede «Lieb Katha» begrüssen, statt dass sich die Absender den Kopf darüber zerbrechen, ob sie «Liebe» oder «Lieber» schreiben sollen.

«Nimmt niemandem etwas weg»

Die grüne Basler Nationalrätin Sibel Arslan kämpft in der Politik schon lange für ein drittes Geschlecht. 2017 reichte sie einen entsprechenden Vorstoss ein. «Es ist unseriös und respektlos, wenn gewählte Politikerinnen und Politiker sich bei Anliegen, die Minderheiten betreffen, nicht zum Handeln verpflichtet fühlen», sagt Arslan. Es gebe Menschen in der Schweiz, die sich weder als Frau noch als Mann identifizierten und sich von der Politik nicht ernst genommen fühlten.

«Gäbe es die Möglichkeit des Eintrags eines dritten Geschlechts, wären diese Menschen eingeschlossen, ohne dass das binäre System von Frau und Mann abgewertet würde», sagt Arslan. Ein drittes Geschlecht nehme niemandem etwas weg, sondern sei lediglich eine Ergänzung, betont sie.

Arslan glaubt, dass die Einführung des dritten Geschlechts mit Beat Jans bessere Chancen hat. «Der ehemalige Bundesrat verzichtete, weil solche Anliegen bei der damaligen Justizministerin Karin Keller-Sutter weniger Gehör fanden. Die Gesellschaft sei noch nicht bereit, sei die Begründung gewesen. «Heute zeigen uns Betroffene, dass Handlungsbedarf klar gegeben ist und wir handeln sollten.»

veröffentlicht: 31. Mai 2024 04:30
aktualisiert: 31. Mai 2024 08:03
Quelle: ZüriToday

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