Schweiz

Die Schweiz spricht unsensibel und gendert zu wenig – das sagen SVP und Grüne dazu

Gender-Sprache

«Das Gendertheater mit dieser Schreibweise nervt mich»

22.05.2023, 17:37 Uhr
· Online seit 22.05.2023, 15:32 Uhr
Die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer interessiert sich offenbar kaum für gendergerechte Sprache, wie eine Tamedia-Umfrage zeigt. Auch problematische Begriffe sind noch in den Köpfen drin. Christian Imark (SVP) und Irène Kälin (Grüne) nehmen im Interview mit CH Media Radio News Stellung.
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Darf man heute überhaupt noch «Zigeuner», «Asylant» oder «Mohrenkopf» sagen, obwohl das eigentlich diskriminierende Begriffe sind? Darüber wird schon lange gestritten und jetzt zeigt eine Umfrage von Tamedia, wie die Schweiz tatsächlich spricht.

Eins ist klar, unsere Sprache verändert sich mit der Zeit. Wohin genau, entscheidet jede und jeder selber. SVP-Nationalrat Christian Imark findet den Begriff «Asylant» in Ordnung, man solle reden wie einem der Schnabel gewachsen sei. Grüne-Nationalrätin Irène Kälin verurteilt ihn für seine Aussage.

Eine repräsentative Umfrage des «Tagesanzeigers» zeigt: «Die Schweiz spricht unsensibel». Was sagen Sie hierzu?

Christian Imark (Nationarat SVP, Solothurn): Tja, ich weiss nicht recht, offensichtlich ist der Tagesanzeiger nun die Sprachpolizei der Schweizer Bevölkerung geworden. Ich sehe das Ganze gar nicht so. Ich bin dagegen, den Leuten vorzuschreiben, wie sie reden sollen. Es ist alles schlussendlich auch ein Stück unserer Kultur. Auch wenn jetzt beispielsweise das Wort «Zigeuner-Schnitzel» plötzlich nicht mehr gehen soll, es ist Teil unserer Kultur und ich verstehe nicht, warum man das Wort nicht mehr benutzen sollte in dem Zusammenhang. Ich sage das ja nicht zu einer Person.

Irène Kälin (Nationalrätin Grüne, Aargau): Ich finde es nicht überraschend. Die Sprachsensibilität beim Gendern ist ja eher etwas Neues, und damit haben ältere Menschen, die schon sehr lange sozialisiert worden sind in der Sprache, eher Mühe. Da fällt das lockere Ablegen eher schwer.

Jetzt zeigt diese Umfrage, dass drei Viertel der Leute «Asylanten» sagen, was überspitzt ein wenig wie ein Kampfbegriff der SVP ist. Sind Sie stolz darauf?

Christian Imark: Nein, aber bei «Asylsuchenden» versus «Asylanten» ..., auch da glaube ich nicht, dass die Bevölkerung einen grossen Unterschied macht, oder das speziell abwertend meint. Diese Debatte sehe ich jetzt auch nicht ein.

Drei Viertel sagen «Asylanten» und zwei Drittel sagen «Mohrenkopf», bei «Jugo» ist das Verhältnis ausgeglichen. Wie erklären sie sich diese Unterschiede?

Irène Kälin: Gerade das Wort «Asylant», das von der grössten Schweizer Partei sehr offensiv benutzt wird, ist für mich nicht erstaunlich. Denn wenn man etwas sehr oft hört, hat man die Tendenz es nachzuplappern. Völlig unabhängig davon, ob man es selber auch diskriminierend findet oder nicht. Was mich eher erschreckt, ist, dass wir bei Begriffen wie «Zigeuner» offenbar extrem Mühe haben umzulernen, obwohl es Sinti und Roma gäbe.

Christian Imark: Da gibts natürlich schon eine Grenze. Wer zu einer anderen Person «Mohrenkopf» sagt, ist das gewiss nicht dasselbe, wie wenn man «Mohrenkopf» zu einem Gebäck sagt. Ich sage auch «Mohrenkopf» beim Gebäck, aber bei einer Person gibts da klar Grenzen. Ich glaube aber nicht, dass die Bevölkerung hier speziell ein rassistisches Wort benutzt.

Was genau ist der Unterschied zwischen etwas nicht diskriminierend meinen, aber es dennoch sagen, auch wenn es diskriminierend ist?

Irène Kälin: Ich will das überhaupt nicht verharmlosen, gerade bei Leuten, die eine gewisse Sensibilität haben sollten, wie wir Politikerinnen und Politiker, oder Personen des öffentlichen Lebens, sowie auch Journalistinnen und Journalisten. Ich meinte das eher in Bezug auf die ältere Generation, die ja in dieser Studie besonders schlecht abschneidet, was das Sprachbewusstsein anbelangt. Beim Beispiel «Zigeuner» meinen sie keine Abwertung, sie sind sich der neuen Bezeichnung wohl einfach noch zu wenig bewusst. Es ist eine Bewusstseinsfrage. «Dämlich» und «herrlich» sind zwei Gegenbegriffe. Seit mir das bewusst ist, benutze ich dämlich so nicht mehr.

Die Umfrage zeigt aber noch etwas anderes: Es sind vor allem ältere Männer, die diskriminierende Begriffe brauchen. Jüngere Menschen und Frauen sprechen da schon angepasster. Haben wir ein Problem mit den alten Männern?

Christian Imark: Das passt mal wieder perfekt in das Klischee von Linksgrün! Die weissen alten Männer sind an allem schuld, sind mega böse. Nein, also ich würde grundsätzlich aufhören mit dieser Sprachpolizei. Man soll reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, solange es nicht rassistisch ist. Auch das passt zu Linksgrün, man redet nur über solches Zeug. Die wirklichen Probleme unserer Welt und unseres Landes – darüber redet man nicht mehr.

Was ist mit denen, die solche Wörter bewusst diskriminierend sagen? 

Irène Kälin: Das ist absolut daneben und ist verwerflich. Klar, es ist nicht absolut verboten, aber gerade für den Fall, bei dem man ganze Volksgruppen wie Roma und Sinti diskriminiert, finde ich es sehr beängstigend. Auch bei jungen Menschen ist ja das Bewusstsein viel grösser, und wenn sich junge Männer durch das generische Maskulinum besser wiederfinden, ist das noch beängstigender.

Was noch aufgefallen ist: Bei der SVP sagt nur ein Prozent nie «Asylant». Sind das per Zufall Sie?

Christian Imark: Hm, ich habe bestimmt auch schon «Asylant» gesagt. Ich meine damit Asylbewerber und es ist für mich nicht abwertend. Wenn andere dies anders sehen, müsste man die fragen. Ich sehe kein Problem an dem Begriff.

Was auch noch auffällt: Sogar bei den Grünen und bei der SP sagen 25 Prozent «Asylant», wie deuten sie das?

Christian Imark: Ist schwierig zu sagen, ich bin ja kein Linker. Aber eigentlich bestätigt es das, was ich vorher dazu gesagt habe: Ob man nun «Asylbewerber» oder «Asylant» sagt, solange man es nicht abwertend meint, macht es doch keinen Unterschied. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Irène Kälin: Wenn ein Begriff oft genug in der Öffentlichkeit auftaucht, dann bleibt das hängen. Dann können auch Menschen, die keinesfalls diskriminierend sein wollen, solchen Wörtern verfallen.

Nur rund ein Viertel achtet laut Umfrage auf Gendersprache. Was sagen Sie dazu? 

Christian Imark: Das kann ich sehr gut verstehen. Ich selber kann gar nichts anfangen mit dieser Sprache. Wenn ich eine Einladung bekomme, die solche Gendersternchen enthält, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass ich sie gleich lösche. Das Gendertheater mit dieser Schreibweise nervt mich, und ich bin sicher, die Mehrheit der Bevölkerung sieht das ähnlich.

Irène Kälin: Die deutsche Sprache ist nicht so einfach zu gendern, gerade im umgangssprachlichen Gebrauch. In den Schulen und bei jungen Menschen ist das Bewusstsein aber gross, und wenn man es von Anbeginn richtig lernt, dann ist es doch gar nicht so schwierig. Wer aktiv umlernen muss, da braucht es einen extremen Aufwand und ein Bewusstsein dafür. Da ist sicher auch Geduld gefragt. Wenn sich aber die grösste Partei unseres Landes bewusst auf ‹Asylant› versteift, obwohl sie genau weiss, dass man nicht diskriminierend ‹Asylsuchender› sagen würde – dann ist das meiner Meinung nach unwürdig.

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(nib)

veröffentlicht: 22. Mai 2023 15:32
aktualisiert: 22. Mai 2023 17:37
Quelle: Today-Zentralredaktion

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