Schweiz

Die grössten Naturkatastrophen und was die Schweiz daraus lernte

Unglücke

Die grössten Naturkatastrophen und was die Schweiz daraus lernte

· Online seit 12.05.2023, 05:46 Uhr
Wegen eines drohenden Bergsturzes wurde das Bündner Dorf Brienz/Brinzauls evakuiert. Das Ereignis zeigt: Die Schweiz ist immer wieder von Naturkatastrophen betroffen. Die schlimmsten der letzten 1000 Jahre findest du in diesem Artikel.
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1356 bebt in Basel die Erde

Das Erdbeben von Basel ging als grösste Naturkatastrophe in die mittelalterliche Geschichte der Schweiz ein. Es begann am Nachmittag des 18. Oktober 1356 und zerstörte viele Gebäude in der Stadt. Zudem brach ein Feuer aus, das tagelang wütete. In den historischen Quellen gehen die Opferzahlen stark auseinander. Da es ein Vorbeben gab, konnten sich wohl viele Menschen aus dem Katastrophengebiet retten. Deshalb ist in einigen Berichten nur von 100 Toten die Rede. Andere nennen aber bis zu 2000 Opfer.

Mit einer Stärke zwischen 6,0 und 6,3 ist das Erdbeben von Basel gemäss ETH-Forschungen das stärkste, das in historischer Zeit in Zentraleuropa dokumentiert ist. In Teilen der Stadtmauer sind dabei entstandene Schäden noch heute sichtbar. Bis etwa 1370 waren die durch das Erdbeben zerstörten Gebäude bereits wieder aufgebaut.

1515 überschwemmt eine Flutwelle das Tessin

Im September 1512 oder 1513 löste sich ein riesiger Bergsturz von der Westflanke des Pizzo Magn oberhalb des Dorfs Biasca. Er versperrte das Bleniotal und staute den Fluss Brenno. Innert kurzer Zeit Jahren entstand ein fünf Kilometer langer See, der das Dorf Malvaglia bis auf die halbe Höhe des Kirchturms vollständig unter Wasser setzte. Die umliegenden Weiler, Felder und Rebberge wurden ebenfalls überflutet.

Die eigentliche Katastrophe geschah aber erst am 20. Mai 1515. Der durch den Bergsturz gebildete Damm brach und die Wassermassen des Sees ergossen sich ins Tal. Flutwellen wälzten sich über Bellinzona bis in den Lago Maggiore hinab. Je nach Quelle kamen dabei zwischen 200 und 600 Menschen ums Leben. 400 Gebäude wurden zerstört. Das Ereignis ging als «Buzza di Biasca» in die Geschichte ein. So bezeichnet der lombardische Dialekt das bei einer Naturkatastrophe aus einem Flussbett angeschwemmte Material.

1806 stürzt der Rossberg auf Goldau hinab

An der Südflanke des Rossberges im Kanton Schwyz setzten sich am Nachmittag des 2. Septembers 1806 beinahe 40 Millionen Kubikmeter Nagelfluhgestein in Bewegung und stürzten innert drei Minuten rund 1000 Meter ins Tal hinab. Der Rutsch breitete sich fächerförmig aus, krachte an der gegenüberliegenden Rigikette 100 Meter empor und zerstörte die Dörfer Goldau und Röthen sowie Teile von Buosingen und Lauerz.

457 Menschen kamen beim Bergsturz von Goldau ums Leben, 323 Stück Vieh starben. Zudem wurden 111 Wohnhäuser sowie 220 Ställe und Scheunen zerstört. Die Dörfer Goldau und Röthen waren verschwunden und der Lauerzersee wurde um ein Siebtel seiner Fläche verkleinert. Der Bergsturz wurde zur Geburtsstunde der ersten schweizweiten Spendensammlung. Goldau wurde auf dem Schuttkegel wieder aufgebaut. Der dortige Tierpark, inmitten von gewaltigen Felsblöcken der Katastrophe, ist heute ein beliebtes Ausflugsziel.

1868 verändert ein Hochwasser die Schweiz

Nach einem regenreichen September kam es 1868 innerhalb einer Woche zu rekordverdächtigen Niederschlägen in den Schweizer Bergen. Diese führten auf beiden Seiten des Alpenkamms zu grossen Überschwemmungen. Zahlreiche Flüsse traten über die Ufer. Rheintal und Magadinoebene standen unter Wasser. Der Lago Maggiore erreichte den höchsten je gemessenen Stand. 51 Menschen starben.

Die Schäden waren gewaltig. Gemäss einer Schätzung ist das Ereignis mit einem Schaden von umgerechnet knapp einer Milliarde Franken die teuerste Katastrophe in der Zeit zwischen 1800 und 1978. Die Schäden überstiegen die finanziellen Kapazitäten der betroffenen Ortschaften und Kantone. Umfangreiche Spenden ermöglichten den Wiederaufbau. Die Auswirkungen des Hochwassers gingen noch weiter. Sie reichen von der Umsetzung baulicher Massnahmen und einem neuen Umgang mit Überschwemmungen bis zu einer Debatte über die Abholzung von Wäldern. Letztere verhalf schliesslich dem Forstgesetz zum Durchbruch.

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1951 sterben fast 100 Menschen in Lawinen

Im Winter 1950/51 schneite es im Alpenraum so viel wie schon lange nicht mehr. Anfang Januar kam nochmal eine enorme Menge Neuschnee dazu. Mitte des Monats waren südöstlich der Linie Zermatt-Simplon-Furka-Erstfeld-Glarus-Sargans schon mehr als 200 Prozent der üblichen Neuschneemenge gefallen. In Mittelbünden, im Engadin, den Bündner Südtälern und im Tessin sogar 300 bis 400 Prozent.

In der Folge gingen über 1000 Lawinen innerhalb kurzer Zeit spontan nieder; viele davon an unüblicher Stelle und in einem Ausmass, das zu hohen Sachschäden und vielen Toten führte. Im Januar und Februar starben im gesamten Alpenraum 265 Menschen Lawinen, 98 davon in der Schweiz. Vor allem das Urner Bergdorf Andermatt war betroffen. Die Katastrophe führte zu einem Umdenken: Durch Lawinenverbauungen, künstliche Lawinenauslösung, Sperrung von Verkehrswegen und Gefahrenzonenplanung wurde die Bedrohung durch Lawinen seither stark vermindert.

1965 führt menschliches Versagen zur Tragödie von Mattmark

In den 60er Jahren wurde am südlichen Ende des Saastales im Kanton Wallis der Stausee Mattmark gebaut. Für die Arbeiter auf der Baustelle wurde ein Barackendorf errichtet – direkt unter der Gletscherzunge des benachbarten Allalingletschers. Am 30. August 1965 kam es zur Katastrophe: Der Gletscher brach ab, 88 Bauarbeiter, 56 davon italienischer Nationalität, wurden unter 2 Millionen Kubikmeter Eis und Geröll begraben. Bei den Bergungsarbeiten konnte unter der stellenweise bis zu 50 Meter starken Schicht keiner der Verschütteten lebend geborgen werden.

Das Risiko bei der Errichtung der Unterkunft direkt unterhalb des Gletschers wurde nicht beachtet. Sieben Jahre nach dem Unglück sprach die Walliser Justiz trotzdem 17 Angeklagte, darunter Ingenieure und Manager des Energieunternehmens Elektrowatt sowie Beamte der Suva, frei. Ein Medienbericht führte 50 Jahre später zutage, dass die Verantwortlichen der Baustelle um die Gefahren des Allalingletschers wussten und das Gericht bei seinem Urteil belastende Fakten ausblendete.

1999 knickt Orkan Lothar Bäume wie Zündhölzer

Am 26. Dezember 1999 fegte das Orkantief «Lothar» über Europa hinweg und richtete in Nordfrankreich, der Schweiz, in Süddeutschland und Österreich die grössten Sturmschäden der jüngeren europäischen Geschichte an. Mit Windspitzen von bis zu 272 Kilometern pro Stunde legte der Sturm ganze Wälder um, verwüstete Häuser und richtete Schäden in Höhe von 1,8 Milliarden Franken an. In der Schweiz starben 14 Menschen.

Quelle: TeleZüri, Sendung vom 26. Dezember 2019.

Die meisten Todesfälle gab es indes durch die Folgen des Jahrhundertsturms. In den Wochen nach dem 26. Dezember kamen während der Aufräumarbeiten insgesamt 15 weitere Menschen zu Tode. Die Unfälle geschahen überwiegend im Privatwald, wo wenig geschulte Waldbesitzer und ihre Angehörigen bei den Holzbergungsarbeiten meist von unter Spannung stehenden Baumstämmen erschlagen wurden. Ein Jahr nach dem verheerenden Unwetter zogen die Bundesbehörden Bilanz. Lothar habe die grössten, je in der Schweiz festgestellten Waldschäden verursacht. Es dauerte Jahre, bis sich die Wälder erholt hatten.

2005 setzen starke Niederschläge die Schweiz unter Wasser

Von der Adria her kommend, sorgte ein Tief im August 2005 für starke und anhaltende Niederschläge im Alpenraum. Die ersten Hochwasser-Meldungen kamen aus der Zentralschweiz, wo verschiedene Erdrutsche niedergingen und so Verkehrswege verschütteten. Der Pegel des Vierwaldstättersees erreichte einen Wert, der 2 Meter über dem Normalwert lag. Die Aare förderte zeitweise das Vierfache der normalen Menge durch ihr Flussbett.

Quelle: TeleBärn, Sendung vom 17. August 2015

Während in den Bergregionen vor allem Erdrutsche das Schadensbild prägten und ganze Ortschaften wie Engelberg von der Aussenwelt abschnitten, waren in den flacheren Gebieten die über die Ufer getretenen Flüsse und Seen das Problem. Dadurch wurde in den betroffenen Regionen der Verkehr komplett lahmgelegt. Allein in der Schweiz kamen bei dem als Jahrhunderthochwasser bewerteten Ereignis sechs Menschen ums Leben. Besonders tragisch war der Tod von zwei Feuerwehrmännern in Entlebuch, welche versuchten, ein Haus vor dem Wasser zu sichern, als ein Erdrutsch aus dem Wald auf sie zuschoss.

2017 donnern Gesteinsmassen vier Kilometer durchs Val Bondasca

Die letzte Naturkatastrophe in der Schweiz ereignete sich am 23. August 2017 im Val Bondasca im Kanton Graubünden. Vom Piz Cengalo brachen 3 Millionen Kubikmetern Gestein ab und stürzten mit einer Geschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde ins Tal. Murgänge erreichten den etwa vier Kilometer entfernten Ort Bondo und führten dort zu Evakuierungen und Zerstörungen. Insgesamt wurden zwölf Ställe und Maiensässe sowie vier Gebäude zerstört oder beschädigt. Acht Berggänger kamen ums Leben.

Quelle: TeleBärn, Sendung vom 23. August 2017

Während der Bergsturz von Geologen sehr genau vorausberechnet werden konnte, überraschte der Murgang, denn es gab zur fraglichen Zeit keinen Niederschlag. Zum aussergewöhnlichen Ereignis führte vielmehr der Sturz der abgebrochenen Gesteinsmassen auf den unterhalb liegenden Gletscher. In Sekundenschnelle wurde dadurch viel Eis abgetragen, pulverisiert und zum Teil geschmolzen. Das frei gewordene Wasser hielt die abgestürzten Trümmer in Bewegung und formte den gewaltigen Schuttstrom, der sich durch das Val Bondasca bis in den Talboden bei Bondo ergoss.

veröffentlicht: 12. Mai 2023 05:46
aktualisiert: 12. Mai 2023 05:46
Quelle: Today-Zentralredaktion

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